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Mein erster Triathlon

. Veröffentlicht in Triathlon

von Chris Cluss

 

„Chris! Axel hier. Fred und ich machen in einem Monat an einem Teamtriathlon mit und brauchen einen dritten Mann“

 

„Ach ja?“ - "Ja!“

 

„ Du weißt aber schon, dass ich erst vor neuen Monaten angefangen habe zu joggen und auch nur bis zum nächsten Dönerladen mit dem Rad gefahren bin!“

 

VIDEO: Eindrücke vom Triathlon in StrausbergKeine Videodatei vorhanden!

von Chris Cluss

 

„Chris! Axel hier. Fred und ich machen in einem Monat an einem Teamtriathlon mit und brauchen einen dritten Mann“

 

„Ach ja?“

 

„Ja!“

 

„ Du weißt aber schon, dass ich erst vor neuen Monaten angefangen habe zu joggen und auch nur bis zum nächsten Dönerladen mit dem Rad gefahren bin!“

 

„Aber Du hast doch auch den Halbmarathon mitgemacht“

 

„Stimmt.“

 

„Du schaffst das schon – dabei sein ist alles und Du musst nicht schwimmen. Beim Volks-Teamtriathlon schwimmen nur Fred und ich jeweils 500m danach wird 22km mit dem Rad gefahren und dann noch 5km laufen.

Alles im Team. Ganz locker!“

 

Ich war dabei.

 

Es ist  Samstag Abend vor dem Wettkampf und mein Schlafrhythmus sträubt sich gegen ein frühes Einschlafen. Meine Gedanken drehen sich rund um den Wettkampf und ob mir wohl bei der Siegerehrung die richtigen Dankesworte einfallen würden.

 

Nur für alle Fälle.

 

Wenn man für einen Oskar nominiert wird überlegt man sich ja schließlich auch was man sagen will wenn man gewinnt, obwohl ja nur jeder Vierte seine Rede hält.

 

Meine Rede die ich  gedanklich zusammenbastele ist nicht besonders gelungen und um genau zu sein:  sie ist so langweilig, dass ich schon beim verfassen einschlafe.

 

Der Wecker soll mich um 7:15 wecken.

 

Ich habe aber keinen Wecker, da in der Nähe meines Bettes eine Bannmeile für Uhren besteht. Ausnahmsweise darf also mein neues Handy in den Bereich der Träume und neben mir in meinem Bett schlafen.

 

Es wacht vor mir auf und hält es für eine gute Idee mir um 6:00 Uhr im Auftrag einer lieben Freundin - die offensichtlich gerade aus einem Club kommt - per SMS viel Kraft und Erfolg für den Tag zu wünschen.

 

triathlonstart_ 2008

 

Nun bin ich eine Stunde früher wach, was gut ist, denn ich kann um so länger aufgeregt in der Wohnung auf und ab gehen, die Ausschreibung für den Wettkampf wieder und wieder durchlesen  sowie die bereits gestern Abend gewissenhaft gepackte Tasche mehrfach kontrollieren.

 

Es soweit. Es ist 8:20.

Ich packe alles ins Auto und mache mich fahrplanmäßig auf den Weg nach Strausberg. In Strausberg angekommen inspiziere ich erst einmal den Start und Zielbereich und hole unsere Startunterlagen bei der Anmeldung ab.

 

Es ist schon ein reges Treiben und mir dämmert langsam, dass es als Triathlet offensichtlich üblich ist einen athletischen, durchtrainierten Körper zu haben.

Ich bin einerseits beruhigt, da meine Siegesrede  ja nicht fertig geworden ist, aber anderseits bilden sich vermehrt Schweißperlen auf meiner Stirn und mir wird  langsam klar, was ich vor einem Monat zugesagt habe.

 

Fred und Axel  kommen kurz darauf und haben Kristin im Schlepptau, die für Sportspool.tv das Ganze filmen soll.

 

Die Aufregung steigt langsam. Ich hatte vor 2½ Wochen eine Darmgrippe mit Fieber und hatte folglich wenig trainiert.

Obwohl ins Ziel kommen heute alles ist machen sich Ausreden wie diese bei mir breit. Aber ins Ziel kommt man immer. Die Frage ist nur wann.

 

Die meisten Teilnehmer bestreiten den Wettkampf in der olympischen Distanz also rund das Doppelte von unserer und sind vermutlich in Vereinen organisiert.

Aber immerhin sind 20 Teams für den Volks-Team-Triathlon am Start.

 

Der Wettkampfleiter macht über Lautsprecher die Ansage, das die Wassertemperatur bei 19° liegt und vermutlich  alle im Neopren schwimmen werden. Alle? Nein nicht alle!  Axel und Fred sind ganze Männer bzw. haben keinen Neopren.

 

Die Stimmung unter allen Teilnehmern sehr gut.

Bei uns auch. Wir sitzen im Schatten und witzeln herum, freuen uns hier zu sein  und teilen unsere Powerdrinks und Gelvorräte auf.

 

Der Wettkampfleiter meldet sich wieder und ruft zur Wettkampfbesprechung am See auf. Kurz wird erklärt wie die Strecke im See verläuft und wie der Wettkampf dann weiter geht.

 

Der Startschuss fällt und knapp 100 Schwimmer  springen in den See und steuern wie ein Schwarm Piranhas auf die erste Boje zu, die endlos weit weg ist.

 

Ich bin ganz froh das meine Aufgabe im Moment  darin besteht beim Wechsel von Fred zu Axel die T-Shirts in Verwahrung zu nehmen und Handtücher zu reichen.

Das kann ich gut – so schwer scheint ein Triathlon gar nicht zu sein.

Wenn das so weiter geht…..

 

Aber es ist jetzt schon spannend!

Ich stoppe die Zeit und fiebere mit den Beiden aus meinem Team.

 

Als Axel aus dem Wasser kommt wird es hektisch.

Diesmal bin ich endlich auch dabei.

 

Wir rennen vom See zu den Rädern und schieben diese im Laufschritt zu dem Weg auf dem wir dann auf die Räder aufspringen dürfen.

 

„Los! Los! Jede Sekunde zählt…“

 

Endlich geht es los!

Wir treten in die Eisen.

Die ersten 11km geht es kontinuierlich bergauf.

Da ich ja nicht geschwommen bin fahre  ich vorne um den Anderen den Windschatten zu geben.

Mein Puls stieg und zwingt mich etwas langsamer zu machen und Fred übernimmt die Führung

 

So fahre  ich die meiste Zeit im Windschatten der beiden Anderen.

Axel ist  definitiv am besten in Form und zieht  uns den Berg hinauf.

 

Mit so vielen anderen ein Rennen zu fahren ist fantastisch.

Dabei sein ist alles bekommt eine neue Bedeutung für mich.

Alle geben ihr Beste auch wenn zugegebenermaßen die Teilnehmer der olympischen Distanz eine andere Ernsthaftigkeit, Vorbereitung  und Leistung mitbringen. Aber das ist nicht wichtig.

Unsere Grenzen zu erforschen und womöglich etwas mehr zu versuchen ist das Wichtige. Wer vorne liegt ist zwar irgendwie egal aber alles andere als unwichtig.

Es gehört zum Spiel dazu.

 

Drei Frauen vom SISU Berlin liefern sich mit uns immer wieder ein kleines Privatrennen. Anders ausgedrückt wir überholen sie auf der Gerade und sobald es wieder bergauf geht ziehen sie locker und charmant lächelnd an uns vorbei.

Das spornt an.

  

Da ich nicht geschwommen bin, bin ich zwar an der Leistungsgrenze aber mir geht es dennoch ganz gut. Ich habe etwas Angst, dass ich später beim Laufen keine Kraft mehr habe. Schließlich sind wir deutlich schneller als wir geplant hatten.

 

Die letzten 1,5 Km gehen über einen Waldweg.

An jedem Abzweig stehen Streckenposten, die uns den Weg weisen.

 

Mich hindert das allerdings nicht unter den entsetzen Augen der Streckenposten in einen falschen Waldweg einzubiegen.Nach großen Hallo von hinten mache ich eine Vollbremsung mit Kehrtwende auf Schotterweg und bei immer noch deutlicher Geschwindigkeit reiße ich mit der linken Hand ein Absperrband am Wegesrand hoch und versuche mit der rechten mein Fahrrad einerseits unter der Absperrung hindurch zu navigieren und andererseits die dahinter geparkten Autos nicht zu erwischen, was mir zum Erstaunen aller schadlos glückt.

 

Weiter geht’s. Noch 300 Meter bis zum Wechsel. Wir kommen wieder im Startzielbereich an. Stellen unsere Fahrräder ab.

 

„Los! Los! Jede Sekunde zählt…“

 

Jetzt noch 5km laufen bis zum Ziel. Die Schenkel brennen zwar noch vom Radfahren, mir wird aber schon auf den ersten 100 Metern klar, dass die Strecke für mich kein Problem ist.

Fred hatte vorher schon angekündigt, das Laufen nicht seine Disziplin ist.

Im Gegensatz zu Axel, der am liebsten viel schneller laufen würde, war Fred am Limit. Ich bin genau in der Mitte. Bremse den einen und ziehe den anderen

Aber wir sind ein Team und werden zusammen ins Ziel kommen.

                                                                

Auf dem Rückweg kommen wir wieder zu besagtem Waldweg.

Trotz Ablenkung durch die Streckenposten, findet mein Fuß den Weg in ein Schlagloch worauf mein Körper mit einem aus meiner Sicht recht eleganten Hechtsprung reagiert und ich mit meinem strahlend weißem T-Shirt die kinetische Energie auf dem staubigen Boden in Reibungsenergie umwandele.

 

Weiter geht’s noch 1km.

Von hinten kommen wieder die drei Mädels vom SISU Berlin lächeln charmant und überholen uns ein letzten Mal wobei die eine von den anderen geschoben wird.

 

Wir versuchen das auch mit Fred und nehmen ihn in die Mitte und legen unsere Hände auf seinen Rücken, aber wir haben keine Chance.

 

Ein letztes Aufbäumen und ab durchs Ziel.

Die Helfer versorgen uns mit Getränken, Obst und Bratwürsten.

 

Das Rennen wird wieder und wieder analysiert.

Das ausgeschüttete Adrenalin verschafft unglaubliche Glückgefühle.

 

Und tatsächlich:  

 

Wir haben Gewonnen!

 

Wir haben den ersten Platz bei den Senioren im Volks-Team-Triathlon.

Bei den Männern haben wir den 2. Platz auf den ich tatsächlich sehr stolz bin!

 

Es folgt die Siegerehrung.

Wir bekommen einen Pokal für den ersten Platz und eine Urkunde für den zweiten.

 

Als ich auf dem Treppchen stehe ärgere mich dann doch, meine Rede nicht zu Ende geschrieben zu haben.

 

Am selben Abend melde  ich mich beim Berlin-Triathlon für die Sprintdistanz (750m/20km/5km) an. Das ist in drei Wochen.

 

Vielleicht schreibe ich meine Rede bis dahin noch zu Ende.

Vielleicht am Abend vorher.

Mal sehen.