'Mission Klassenerhalt' (V): Erster Auswärtssieg

Es gibt ein Stadion im Leipziger Nordwesten, da scheint die Zeit stehengeblieben, Vergangenheit gegenwärtig zu sein. 1964 wurde hier - im Leutzscher Holz - die BSG Chemie Leipzig völlig unerwartet DDR-Meister. Später spielte der Verein meistens in der zweiten Liga, Staffel C, bis er irgendwann ganz verschwand. Ein paar Unermüdliche fingen - zu Beginn des neuen Jahrtausend - in der 12. Liga wieder neu an. Jahr um Jahr ist 'Chemie' seitdem aufgestiegen, spielt nun in der Regionalliga Nordost. Muss sich dort mit dem 1. FC Lok Leipzig, Energie Cottbus und dem BFC Dynamo messen. Partien mit einiger Brisanz. In 'Mission Klassenerhalt' begleiten wir die Mannschaft durch die Saison.

von Fritz Rainer Polter

22. Ligaspiel + Union Fürstenwalde - Chemie Leipzig 1:2 + 16. Platz mit 19 Punkten
21. Ligaspiel + Chemie Leipzig - Budissa Bautzen 1:0 + 16. Platz mit 16 Punkten
IMG 0071 2. Halbzeit Eins zu Null2Nach 765 Minuten ohne Tor trifft Pierre Merkel für Chemie zum 1:0 Sieg

Heute geht es um alles: Wird mir, - in meinem 50. Jahr in Leutzsch, - die Mannschaft zum Anlass der Vollendung meines 56. Lebensjahres einen Sieg als Geschenk liefern, oder muss ich mich auch zum Geburtstag ärgern? Das ist die Frage aller Fragen, und der wollen wir uns heute stellen, der Jens K. aus Torgau und ich. Indem wir uns bei eisiger Kälte auf den Norddamm stellen. Jens hat die Schalmei dabei, ich die Kamera. Die Aufgaben sind klar verteilt. Es steht nicht gut um die Eltern meiner Freunde: Sven (der im Winter-Kurzurlaub weilt), hat seinen Vater verloren, und Martin, der für diese Kolumne so viele wunderbare Fotos beigesteuert hat, muss um die Gesundheit seiner Mutter fürchten. So ist auch er heute nicht präsent. Martin 2, Jörg und Jens Fö. sind anwesend. Insgesamt sehen leider nur knapp über 2000 Zuschauer das Spiel.


Die erste Halbzeit gerät zu einem Kampf und Press-Schlagabtausch, bei welchem weder Chemie noch Bautzen zu richtigen Großchancen kommen. Unser Stammkeeper Julien Lattendresse-Levesque ist nach seinem Magen-Darm-Infekt, welcher ihn vorige Woche an der Teilnahme des Spiels in Babelsberg hinderte (Chemie verlor auswärts schmerzlich 0:4), wieder fit und entschärft mehrere Chancen der Bautzner. Bei einem Pfostenschuss von Tony Schmidt in der 17. Minute hat er Glück. Bei Chemie ist es heute besonders Nicolaus Ludwig, welcher mir gut gefällt. Neuzugang Pierre Merkel steht in der Startelf, Beiersdorf (von RB Leipzig) und Brandon Stelmak sitzen auf der Bank. Mit Alexander Bury lässt Trainer Demuth unseren vielleicht wichtigsten Spieler ebenfalls auf der Bank. Dies überrascht. Viel mehr gibt es nicht zu berichten von der ersten Halbzeit.
IMG 0080 2. Halbzeit Foul zum Elfmeter

Stets frage ich mich besorgt, wie Chemie aus der Pause kommen wird. In der jüngeren Vergangenheit hatte ich fast immer Grund zur Sorge, meistens ließ das Team stark nach, wirkte oft unkonzentriert und weniger dynamisch. Auch heute erscheint es mir zunächst so. Immerhin wir Alexander Bury eingewechselt. Die Bautzner beginnen entschlossener, scheinen es nun wissen zu wollen. Der (trotz einiger Fehler heute sehr gut agierende) Daniel Heintze tritt in der 51. Minute einen Freistoß, der seinen Weg auf den Kopf von Pierre Merkel findet, und plötzlich steht es 1:0 für Chemie. Endlich die Erlösung von der Torflaute, endlich ein Erfolgserlebnis! Zu meiner Freude ist mir auch noch ein recht gutes Foto dieses Treffers gelungen.

Ein Freund von mir, ein Journalist und ausgemachter Lok-Fan, welcher politisch eher linksliberal und mit christlich-demokratischen Werten ausgestattet ist, nannte meinen Beitrag zum Leipziger Derby hier in dieser Kolumne Scherzes-halber als ein Ausgeburt der Lügen-Presse. Ich konterte damit, dass ich ihn fragte, wie sich das anfühlt, den auch einmal „Lügen-Presse“ zu jemand sagen zu können. „Wunderbar“, so er. Pierre Merkel möchte nicht, dass wir den abgestandenen und geschmacklosen „Danke, Merkel“-Slogan der politisch Rechten auf ihn anwenden, wenn er für uns trifft. Und genau wie neulich mein Freund, der Lok-Fan, das Fischen in trüben und fremden Gewässern genoss; genieße ich es nun, dass ich mich zu Jens Fö. wende, und mein „Danke, Merkel!“ von mir gebe. Er hat recht, es ist wirklich wunderbar. Schließlich habe ich Geburtstag. Ich darf das.

Chemie hat nun Oberwasser und drängt auf mehr, will nachlegen. Kurz nach dem Führungstreffer foult der Bautzner Torwart den Chemiker Alexander Bury auf der Linie zum Strafraum, und der Schiedsrichter gibt zu recht Elfmeter. Pierre Merkel schnappt sich den Ball, der Unparteiische pfeift, und Merkel kullert ihn in die Arme des Torwarts. Egal, weiter geht’s. Wir führen immer noch! Indes entgleitet dem Schiedsrichter die zunehmend kampfbetonter geführte Partie immer mehr aus den Händen, was darin gipfelt, dass er Chemie ein reguläres, zweites Tor zu Unrecht aberkennt. Es war kein Abseits, wie die Fernsehbilder im MDR beweisen. 

IMG 0110 2. Halbzeit Grosschance Bautzen

In der 65. Minute landete ein Gewaltschuss des Bautzners Jonas Mack an der Querlatte. Da haben wir nun wirklich sehr viel Glück gehabt. Auch sonst gibt es bei Chemie die gewohnten, katastrophalen Fehlpässe im Mittelfeld, welche den Gegner immer mehr aufbauen. Es ist geschafft, Chemie fährt nach langer Zeit wieder einmal einen Sieg ein. Nach dem Abpfiff jammerte der Trainer der Bautzner noch über den Zustand des Rasens. Als ob der nicht für beide Teams derselbe gewesen wäre. Damit verlassen wir den 17. Tabellenplatz, welcher den direkten Abstieg bedeuten würde. Wir haben indes wegen der vielen Spielabsagen aus jüngster Zeit drei Spiele mehr als viele unsere direkten oder indirekten Tabellennachbarn, so dass sich der Wert des Sieges heute tabellarisch schnell relativiert. Mit dem kommenden Spiel in Fürstenwalde wartet in der nächsten Woche eine schwere Aufgabe auf uns. Aber erst einmal können wir durchschnaufen. „Sinnlos“ schrieb ein Lok-Fan in deren Forum, als er von unserem erneuten Sieg gegen die Budissa erfuhr, bei der ja für den Lokalrivalen Endstation im Pokalspiel war. Wir können seine Meinung indes nicht teilen. Ich schon gar nicht, denn äußert sinnvoll beschenkte mich meine Mannschaft Punkt-genau am Geburtstag. Besser geht’s nicht. Auf geht’s, Chemie, kämpfen und weiter siegen!“

IMG 0127 nach Abpfiff Mannschaftskreis2IMG 0141 nach Abpfiff Mannschaft am Norddamm6 Huh

All words and pictures copyright by Fritz Rainer Polter


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20. Ligaspiel + SV Babelsberg - Chemie Leipzig 4:0 + Vorletzter Platz mit Dreizehn Punkten
19. Ligaspiel + Chemie Leipzig - Energie Cottbus 0:2 + Vorletzter Platz mit Dreizehn Punkten
Chemie vs Cottbus 2. Halbzeit IMG 0086 der ist drin ...Nach dem vorgezogenen Spiel Rückrundenspiel gegen den 1. FC Lok Leipzig (0:0), dem Testspiel gegen den TSV 1860 München (0:1 verloren), den Kickers Markkleeberg (9:0) und Askania Bernburg (1:1) geht es nun gleich ran an den schwersten aller möglichen Gegner in der Regionalliga Nordost, dem FC Energie Cottbus. Cottbus ist Staffelprimus und noch ungeschlagen; lediglich zwei Unentschieden konnten ihnen abgetrotzt werden. Die denkbar ungünstigste Auftakt-Aufgabe für Chemie Leipzig: Verliert man, weiß man trotzdem nicht, wo man nach der Winterpause in der dürftigen Vorbereitung steht, denn gegen Cottbus kann man natürlich verlieren. Es kommt wohl eher auf die Art an, wie man heute verliert. An eine Punkteteilung glauben nur wenige, und nur die hartgesottensten Optimisten rechnen sich heute was aus. Schaffen wir ein 0:0, wäre dies ein Ausrufezeichen mit grosser Aussagekraft. Der ungeliebte Lokalrivale hat es in der Hinrunde vorgemacht, wie das zu Hause gegen Cottbus geht, und zwar mit unseren, den chemischen , kämpferischen, Spiel-zerstörenden Tugenden. Dies gilt es für uns heute ebenfalls zu erreichen. Oder so.

Wo steht Chemie nach der Winterpause? Ein Torwart (Marcus Dölz) hat uns verlassen, ein Torwart (Dominik Heine) ist dazugekommen. Der Abwehrspieler Alexander Rodriguez-Schwarz hat seinen Vertrag aufheben lassen (schmerzlich), und Felix Paul ist nun auch nominell nicht mehr im Kader (er fehlt schon seit dem Beginn der Rückrunde). Mit dem Amerikaner Branden Stelmak (vom FC Eilenburg) und dem deutsch-Ghanaer Pierre Merkel (SC Wiedenbrück) wurden zwei neue Stürmer verpflichtet. Das Testspiel gegen München 1860 war nun aufgrund des vollständigen Durchwechselns aller Mitgereisten Spieler wenig dazu in der Lage, die beiden Neuen einzuspielen. Allerdings muss man sagen, dass es für beide Vereine ein schönes Event war, und der Trainer sicher gut daran tat, alle unsere Spieler daran aktiv partizipieren zu lassen. Chemie hat sich achtbar geschlagen, und durch eine Unachtsamkeit in der 3. Minute den Siegtreffer der „Sechziger“ hinnehmen müssen. Die beiden anderen Testspiele sagen nichts aus.

Aufgrund der unterschiedlichen politischen Ausrichtung der führenden Ultra-Gruppierungen beider Vereine ist das Spiel heute von einiger Brisanz und wurde zum Hochsicherheitsspiel deklariert. Dies zeigt sich in der Anwesenheit der beiden Wasserwerfer, die wir schon vom letzten Derby in Probstheida kennen. Einer der beiden sichert die Schnittstelle des Gästezugangs am Alten Bahnhof Leutzsch, der andere bezieht Position hinter dem Gästeblock, welcher von den Cottbussern schmählich unterfrequentiert wird. Gerade einmal 200 Lausitzer sind mitgereist, das ist absolut enttäuschend. Sicher auch eine Form deren Protestes gegen den eingeschränkten Gästekarten-Vorverkauf (nur an registrierte Vereinsmitglieder), welcher den Cottbussern vom Verband als Strafe wegen der Ausschreitungen bei vergangenen Spielen (zum Beispiel in Babelsberg) nahegelegt wurde. Zirka 3700 Zuschauer sehen das Spiel heute. Aus baulichen Gründen ist unsere Tribüne gesperrt (sie wird gerade am Unterbau verstärkt und erneuert). Dadurch wirkt unser Dammsitz nun endlich wieder richtig voll, weil die Tribünen-Dauerkartenbesitzer dahin ausweichen.Chemie vs Cottbus 2. Halbzeit IMG 0071 Diablo Choreo Alter BilderAllerdings gibt es Gerüchte und Statements im Internet, dass hunderte Cottbusser und befreundete, rechtsgerichtete Hools auch ohne Karten anreisen wollen, und so nebenbei das linkslastige Leipziger Szeneviertel Connewitz in Schutt und Asche legen wollen. Auch Leutzsch, der Heimatstadteil von Chemie Leipzig, soll „wieder deutsch“ gemacht werden, was auch immer dies konkret bedeuten möge. Somit liegt also einige Spannung vor dem Spiel in der Luft, und Behörden und Szene sind gewarnt und vorbereitet. Um es gleich vorweg zu nehmen: Passiert ist absolut gar nichts. 

Von meinen direkten Freunden ist heute nur Sven anwesend, der zwei Tage vorher den Abschied von seinem Vater in Form der Beerdigung durchleiden musste, und welcher selbst bis zum Donnerstag vor dem Spiel noch im Krankenhaus lag. So sind die Chemiker, heute steht er wieder auf dem Norddamm. Respekt! Ohne meinen fotografischen Co. Martin bin ich also heute mit dem Knipsen beschäftigt, und habe meine Schalmei an der Wand zu Hause hängen lassen. Die Schalmei hatte mir sowieso mitgeteilt, dass sie noch stinksauer ist bezüglich unseres erbärmlichen Auftritts im letzten Spiel der Hinrunde bei der TSG Neustrelitz, dass 0:3 verloren ging. Verloren ging gegen einen direkten Mitbewerber um den Klassenerhalt in einem sogenannten Sechspunkte-Spiel. Damit hat Neustrelitz uns überholt, und wir stehen über Weihnachten auf dem 17.-, also direkten, Abstiegsplatz. Als bekennender Pessimist habe ich mit diesem Ergebnis, und mehr noch, durch die Art, wie schwach wir uns präsentiert haben, mit der „Mission Klassenerhalt“ beinah schon abgeschlossen. So wird das nichts, kann es nichts werden. Natürlich werden wir weiter kämpfen und strampeln, versteht sich von selbst. Da sind ja auch noch die zwei neuen Stürmer. Mal sehen, mal sehen …

Chemie vs Cottbus 1. Halbzeit IMG 0044 Spieolszene mit Diablo FahneAnpfiff. Was sehen wir? Einer der neuen Stürmer, Merkel, steht in der Startelf. Genau dieses habe ich mir gewünscht. Rintaro Yajima ist nur auf der Bank. Genau dieses halte ich für des Trainers größten seiner heutigen Fehler. Aus meiner Sicht, wohlbemerkt. Mittelfeldmann Bury ist mir zu offensiv aufgestellt, Abwehrmann Trogrlic gehört für mich schon lange nicht mehr in die Startelf. Der Rasen ist „tief“. Die Cottbusser würden sagen: ein ganz übler Acker an der Grenze der Unbespielbarkeit. Was sagten wir in den 70ern darauf? „Wir sind halt eben nur `ne ganz arme BSG“. Die Cottbusser tun sich zunächst sichtlich schwer auf diesem Geläuf. Chemie hält gegen diesen nominell übermächtigen Gegner erst einmal gut dagegen, lässt wenig zu, und kommt sogar mehrmals an den Rand des gegnerischen Strafraums. Chemie erspielt sich eine Überzahl an Ecken, und teils wirken die Aktionen nach einigen schnellen Umschalt-Pässe gar nicht mal so schlecht. Dann aber gibt es den mittlerweile von uns schon gewohnten Rückpass zum gegnerischen Torwart durch unseren Ballführenden. Es war vor der Winterpause im Torabschluss schwach, es bleibt nach der Winterpause im Torabschluss schwach. Zumindest eine Erkenntnis. Die andere wäre, dass Cottbus heute zu „knacken“ ist. Sie agieren beinah lustlos, und wenn es einmal gefährlich wird, dann über unsere schwächere, linke Seite. Nach einem üblen Foul von Trogrlic an einem Cottbusser lässt sich einer derer Spieler provozieren und teilt aus, ein anderer der Cottbusser, José-Junior Matuwila, bekommt dafür eine Rote Karte. Unterzahl! Nun sollte doch erst recht was gehen! Halbzeit.Chemie vs Cottbus 1. Halbzeit IMG 0051 Szene vor der Roten Karte„Pele“ Wollitz, der authentische, bei uns natürlich unbeliebte Trainer der Cottbusser, hat diese wohl in der Pause daran erinnert, dass es kein Problem ist, wenn Chemie ab und zu mal vors Tor kommt, gefährlich wird es nie. Das man also endlich mal kraftvoll aufspielen soll, um das Ding hier sicher einzufahren. Dafür wechselt er mit Streli Mamba seine wohl beste Offensivkraft ein. Koinzidentiell kommt Chemie, wie fast immer, schläfrig und mutlos aus der Pause, stellt die Offensive beinah gänzlich ein, und eröffnet einen (aus meiner Sicht: heute gar nicht nötigen!) krampfigen, teils auch etwas unfairen Kampf, statt die eigenen offensiven Akzente zu verstärken. Der Trainer meinte hinterher, unsere Überzahl hätte uns dazu verführt, einen Schritt weniger zu machen. Einen Schritt weniger gegen Cottbus?! Aber fast sieht es so aus. Manchmal denke ich auch, dass wir nach einer Halbzeit oft schon ziemlich platt sind. Irgendwie ist der Stecker gezogen, der Saft raus. Das kann auch mal anders sein (Stichwort: Zwickau!), aber mir fällt dies schon allzu lange negativ auf. Auch heute wieder. Nochmal: Mit etwas mehr Mut, einer offensiveren Aufstellung und dem unbedingten Glauben an ein gutes Ende wäre heut hier etwas gegangen. So aber zermürbt man sich am Ende nur Selbst. Cottbus wird stärker und stärker, kann immer mehr Defensive in die Angriffe einbeziehen, und schließlich gelingt Lasse Schröder ein Arjen-Robben-Gedächtnis-Schuss aus der zweiten Reihe zum Führungstreffer. Innenpfosten, drin. Nichts zu machen für Julien Lattendresse-Levesque. Damit ist klar, dass das Ding hier gelaufen ist. Cottbus kann (wiederum durch Lasse Schröder) hat nach einem Abwehrfehler des ansonsten sehr gut aufspielenden Tim Bunge auf 2:0 erhöhen. Pumpe, Sense, aus die Maus. Hätte dieser Lasse das nicht lassen können? Okay, 3,- Euro in die Flutlichtkasse.

Fazit: Chemie hatte wieder einmal nicht eine richtige Torchance. Auch die beiden neuen Stürmer gaben mir nur wenig Grund zur Hoffnung. Merkel hatte, bedingt durch seine Größe, einige wichtige Abwehraktionen. Nein, das ist kein Sarkasmus, dass ist die Wahrheit. Der andere, Branden Stelmak, wurde in der 2. Halbzeit eingewechselt und fand keine Bindung an das Spiel, rannte vorn zwar auffällig hin und her, aber das wars dann auch). Yajima agierte nach seiner Einwechslung zunächst sehr gut, aber seine schnellen, genialen Pässe nach Balleroberung finden bei uns keine antizipierenden Adressaten. Da sollte sich der Trainer einmal fragen, ob er das nicht besser bei seinen Offensiven hinbekommen könnte, damit die Laufwege endlich stimmen, Automatismen kreiert werden. So geht es dann also auch mit Yajima dahin, er reibt sich auf. „Gegen Cottbus7kann man mal verlieren“ – skandieren die 200 Gästefans. Da haben sie recht. Aber nicht so, wie wir heute. In mir verdichtet sich das Gefühl des besiegelten Abstiegs. Einfach bedingt durch die Restriktionen unserer Möglichkeiten. Müssen drei Vereine runter, sind wir dabei. Die anderen, die kurz vor uns stehen, sind deutlich besser als wir. Von allen 92 Regionalligateams haben wir mit acht Toren die allerwenigsten Tore erzielt. Fazit: Ja, es ist die Art, wie wir heute verloren haben: Ohne eine einzige, zwingende Aktion vor des Gegner Tor. Das reicht, um den Weg nach unten geebnet zu sehen.

Egal, wir haben mal oben reingeschnuppert und gesehen, dass es so noch nicht reicht; noch nicht reichen kann. In der Euphorie des Aufstiegs wurden viele gute und wichtige Aktionen bei uns angeschoben: Flutlicht, Event-Spiele, Fanzüge, Sanierungen, und, most of all: Wir werden wieder wahrgenommen, hatten 3 Spiele live im MDR mit großer Strahlkraft. Wir sind Teil des "Famous Leipzig Derby", wie man nun sogar in Ägypten weiß. Es gilt, den Verein langsam und mit Verstand weiter zu entwickeln. Wenn wir nicht allzu viele Leistungsträger verlieren, steigen wir auch wieder auf. Ich bin nicht allzu traurig. Was für Probleme zum Beispiel die 3. Liga erst für die Ostvereine offenbart, erleben wir ja gerade bei den betreffenden Kandidaten.

Ich bin ja bekennender Pessimist, der sich tierisch freut, wenn es dann doch anders kommt. Mein Pessimismus gilt nur für mich! Alle anderen: Kopf hoch! Auf geht’s, Chemie, kämpfen und Klasse erhalten! Und falls wir doch noch drin bleiben: Desto besser. Ich werde zu allen Heimspielen gehen, aber da wir auswärts keine Fahrgemeinschaften außerhalb der Diablos auf die Reihe bekommen, schließe ich mal das Kapitel, vermutlich auch inklusive Pokalspiel gegen den VfB Auerbach, wo wir höchstwahrscheinlich untergehen werden. Aber dies, natürlich, sangvoll. Und die Diablos sollten sich aus meiner Sicht einmal hinterfragen, ob man die Gesänge nicht Situations-bezogener hinbekommt. Mehr Anfeuern, weniger sich selber einlullen in eine behagliche Wärme, bei der er es schon fast egal zu sein scheint, ob man verliert, oder gewinnt. Nur mal so.
Niemand wir wir! Einmal Chemie, immer Chemie!
Chemie vs Cottbus 2. Halbzeit IMG 0078 BeutegutAll words and all pictures copyright by Fritz Rainer Polter


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